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Die Kindfrau des Scheichs

VON MOHAMED BADAWI

 

Stop-Child-Marriage
Stop-Child-Marriage

Aus der Gedichtsammlung “Ein Schrei im Tal der Araber”;

Die Kindfrau des Scheichs

VON MOHAMED BADAWI


Aus dem Arabischen von MB:

Stop-Child-Marriage
Stop-Child-Marriage

Bei meinem Leben, es sind Geschichten, bei denen einem das Haar zu Berge steht – und doch haben die Schiffe unserer Zivilisation, falls sie überhaupt existiert, uns in die Häfen des dritten Jahrtausends geführt, aus Häfen, die von Katastrophen und Schrecken wimmeln, die unaufhörlich auseinanderbrechen und sich vermehren wie Zellen der Ungerechtigkeit und der Verzweiflung.

Und dennoch, meine Brüder, stehen wir im dritten Jahrtausend – als hätten wir unser erstes nie verlassen – und die Mütter betreiben weiterhin Handel mit ihren Töchtern. Unter dem Vorwand der Ehre, der Pflicht, die Hälfte der Religion zu erfüllen, oder schlicht: „Lieber ein Mann als eine Mauer verlieren.“ All dies bleibt eine spürbare Realität, selbst in der Hauptstadt, ohne dass wir die entlegenen Dörfer oder weit entfernten Städte betreten müssen, um die verborgenen Vergehen zu erkennen, die dort an jungen Mädchen begangen werden.

Was vielen Töchtern unserer Verwandten und Bekannten widerfährt, ist nur die Spitze des Eisbergs – und das Verborgene ist weitaus größer.

In den letzten Tagen las ich einen Roman einer französischen Autorin mit dem Titel „Ich bin verboten“. Kaum hatte ich die letzte Seite geschlossen, legte die Erinnerung ihre Schatten über mich und flüsterte von einer weiteren Tragödie. Ich dachte an das verzweifelte Mädchen, die Tochter von Scheich Khartumi, verheiratet im Kindesalter an seinen Vertrauten.


Stop-Child-Marriage
Stop-Child-Marriage

Die Sozialarbeiterin, die mir ihre Geschichte während eines Vortrags in einem Zentrum für Menschen mit besonderen Bedürfnissen erzählte, schilderte das Mädchen als stumm vor Schmerz und schwer depressiv, so sehr, dass sie dem Leben entfliehen wollte. Die Perversion des Mannes erreichte ein Maß, das kaum zu fassen ist: In der Hochzeitsnacht brachten zwei Männer Hilfe, die im Raum blieben, um das Mädchen festzuhalten, bis der Ehemann „sein Recht“ vollzog – so glaubte er –, gestützt auf Religion, Tradition und die Überzeugung des ungerechten Vaters.

Die Tragödie blieb verborgen, bis die Depression des Kindes die Familie zu überwältigen drohte. Der Ehemann drohte, das Mädchen zu scheiden, sollte sie die Ehe als illegitim bezeichnen.

Als die Verzweiflung der Mutter ihren Höhepunkt erreichte, wurde das Mädchen ins Familienzentrum des Viertels gebracht. Nach mehreren Sitzungen konnte sie beginnen, von ihrem Leiden zu erzählen. Gott weiß, wie schwer es ist, die Seele eines Kindes in diesem Alter zu heilen, den tiefen Schmerz wieder gutzumachen.

Nach vielen Versuchen überzeugte die Sozialarbeiterin das Mädchen, die Polizei über das Geschehen zu informieren, sowie über den Vater, der diese Katastrophe zuließ. Die Polizei wurde alarmiert. Der Vater erschien, erhobenen Hauptes, die Heiratsurkunde in der Hand, und sagte: „Das ist ihr Mann, und er kann mit ihr tun, was er will…“ In einem Land, in dem Säuglinge auf Müllhaufen geworfen werden, überrascht dies leider niemanden.



Dieses Ereignis berührte mich tief. Es ließ Worte in mir wachsen, die ich in einem Gedicht ausdrücken musste:


Die Kindfrau des Scheichs

Oh Ihr Scheichs der Frömmigkeit meiner Nation

Wie könnt Ihr nur derartige Taten begehen?

Die Sandkörner meines Hauses zu speisen

Wie könnt Ihr das tun?

Die Errettung eures Leibes auf den Bergen Sinai abzulehnen

Fragt mich nicht

Denn ihr hasst mich

So wie ihr es hasst den Platz freizuräumen

Ihr erdrosselt mich

Ihr verabscheut mich

Ihr tötet den Atem aller schönen Dinge in mir

Sogar meine weißen Tauben sowie mein Reh

Ihr mordet meine Erinnerungen im Herzen jener Knospen und Kinder

Ihr lasst erschallen die Posaunen, Verse meiner Demütigung

Ihr wiegt euch

Den Rhythmus des Todes im Blut, die Melodien nächtlicher Nays im Gehör

Ihr stellt mich bloß

Nehmt mir den zurückgebliebenen Schatten meiner einst blühenden Würde

Warum ich ?

Ihr habt mich vermählt mit einem Scheich, gleich dem Vater meines Vaters

Junge Mädchenkörper verabscheuen faltige Männer

Lorbeerkränze sind Mädchenkörper für ältere Männer

Ja

Mein Vater sagte Ja

Sagte Ja zum grauen Herrn

Meine Heirat

Oh, ich wünschte, es wäre nicht

Meine Heirat

Nein, meine Bestattung

Wir sind zu jung um sprechen zu können

Meine Hochzeit

Mit den Blumen des Nichts

Eine Menschenmenge

Ein Karneval

Die Melodien der Klagenden

Meine Träume, eine Fatamorgana

Hand in Hand vor dem Imam

1001 Nacht

Der Mittelpunkt jedes Gespräches

Lärm füllt die Ohren – Horror

Glückwunsch, für eure Süße

Freude, Jubel der Prediger

Sie haben keine Scheu

Und ich? – Kein Leben

Es war die Hochzeit

Oh, ich wünschte es wäre

Meine Bestattung

Und wir können noch nicht sprechen

Meine Heirat zu Rosen von Allerheiligen

Ein Nayspieler flötet

Ein anderer folgt dem Kanon

Sie sangen das Lied des Testaments

das Lied der gestorbenen Mädchen

Sie sangen die Weisen des Richters

Höchste Instanz

Keine Revision des Vergehens

Meine Hochzeit, gleich dem Schauplatz auf einem Friedhof

Eine tiefe Trauer liegt darüber

Die Angst in mir war ohne Mühe greifbar

Dennoch verschloss ich mich nicht

Das Mädchenherz, Opfer des Bräutigams

Und keiner Euresgleichen hinterfragt es

Dem Mädchenherz wurde sein Wert genommen

Wer schert sich um den Kadaver einer Straßenkatze?

Geschlachtet in ihrer Hochzeitsnacht im Brautkleid

Wie die Schächtung der Lämmer am Tage des Opferfestes

Fragt mich nicht nach meiner Seele

Ich brauche von meinem Scheich kein Geschenk

Keine Kindheit, kein Appetit

Das Urteil des Richters fiel:

Ein lebenslänglicher Ehemann

Ohne Reue

Ich schritt geneigten Hauptes

Zum Gefängnis des Scheichs

Ich kam als junge Braut

Satt von Sorgen

Seit ich am Höllentor eintraf

Sangen die Frauen der Nachbarschaft die Verse des Gebotes

Sag nichts

Steh nicht

Geh nicht

Ich habe mich niemals dem Willen meiner Mutter widersetzt

Ich habe niemals zu meinem Vater in Anwesenheit des Scheichs Nein gesagt

Ich habe nicht in der Hochzeitsnacht Nein gesagt:

Hol mir

Komm her

Mach – sonst …..

Der Gast kam und hat sich meiner Privatsphäre bemächtigt

Ich habe nie in dieser Höllenküche Nein gesagt

Ich habe mich dem Gebären der Kinder des unfehlbaren Scheichs nie widersetzt

Nie habe ich die Besucher des Pilgerortes abgelehnt

Ich habe zum Tragen des Schleiers in meiner Kindheit nie Nein gesagt

Ich habe zu keiner Bitte seiner Verwandten Nein gesagt

Sie führten mich auf den guten Weg, zur Falle hin

Kein Windhauch streicht mein Gesicht

Und keine schattigen Pausen

Ich wagte nicht Nein zu sagen, als das Leben mein Herz verließ

Entschuldigt mich, wenn ich zu einer eiskalten Killerin geworden bin

Ich habe den ausbeuterischen Leitwolf getötet

Eine neue Ära beginnt

Ich wende mich an mich selbst und sage:

Die Liebe ist eine Hymne

Ich lausche meinem sechsten Sinn

Eine solche Demütigung nie wieder

Das Gefängnis ist barmherziger als das Pilgerhaus

Der Scheich ist in der ewigen Hölle

Der Leitwolf geht ins Teufelsgrab

Und ein Lichtblick belebt wieder meine Seele

Zu spät, meine Kindheit ist vorbei

Daran lässt sich nicht rütteln

Aber dennoch, mein Mut ist wie Stahl

Meine Überzeugung heilt wie Balsam meine Seele

Wahrlich, meine Überzeugung ist mir näher als mein Puls

 

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